Montag, 30. Januar 2012

Läbe B

Einen ganzen Monat verbrachten wir in Sucre, wohl ein Zeichen, dass es uns nicht ganz unwohl war in der weissen Stadt. Doch zuerst die Auflösung des letzten Rätsels:

Wie viele von Euch (danke, die zahlreichen richtigen und kreuzfalschen Lösungsvorschläge haben uns sehr gefreut!) richtig erkannt haben, besitzen Ampeln in Bolivien nicht die gleiche Autorität wie in der Schweiz. Aber von vorn: Im Zentrum gibt es ein paar neuralgische Kreuzungen. Bisweilen kann es zu Stau kommen, weshalb die Obrigkeit eigens Polizisten abgeordnet hat, um allfällige Knäuel zu entknoten. So erzählen es jedenfalls die Einheimischen, nicht ohne anzufügen, dass die ganze Übung fürs Lama ist. Und tatsächlich, der neutrale Beobachter merkt schnell, dass die Frauen und Mannen Polizisten nichts anderes tun, als mit Trillerpfeife im Mund das zu wiederholen, was die Ampel vormacht.

An Kreuzungen, die nicht derart stark befahren wird, verhalten sich die Autofahrer schlicht wie die Velofahrer in der Schweiz mit der Ausnahme, dass sie immerhin hupen, bevor sie mit hoher Geschwindigkeit und bei Rotlicht durch die Kreuzung brausen. Falls Papa Evo einmal Geld braucht, empfehlen wir ihm den Import von ausgedienten schweizer Blechpolizisten!

So, nun zu unserem Aufenthalt in Boliviens Hauptstadt (gemäss Verfassung). Sucre ist eine der wohl schönsten Städte in Südamerika (unsere Meinung). Kennzeichnend sind die meist kolonialen Gebäude, die bis weit übers touristische Zentrum hinaus in weisser Farbe gestrichen sind. Sucre ist darüber hinaus eine Studentenstadt mit dem entsprechenden Lebensstil.

Es gibt in Bolivien offenbar über 100 Härdöpfelsorten, hier ein paar davon auf dem Mercado Central
Wir liebten den Mercado Central
Bei diesem Fraueli waren wir beinahe jeden Tag Stammgast
Da waren sie wieder, die Heerscharen von Schuhputzern
Vielleicht schaute Wegi einfach etwas zu viel TV...
Aussicht
Aperöle bei eben diesem Ausblick


Auch die Gräber sind weiss
De noche von unserer Dachterasse aus
Plaza 25. de Mayo (Plätze/Gärten werden in Bolivien sehr gepflegt)


Eine von Hunden bewachte Kirche (eine Hommage an die vielen Strassenhunde?)
Die ersten paar Tage widmeten wir der Bekämpfung von Veras Seuche und der Suche einer geeigneten Sprachschule. Unserer Skepsis und einigen Zufällen ist es zu verdanken, dass wir einen Volltreffer landeten. Die Sprachschule Fenix ist eine Non-Profit Sprachschule, die diesen Gedanken wirklich lebt: Die Hälfte der ca. 5 Franken pro Stunde (!) geht an die Lehrerschaft/Infrastruktur, der Rest wird verwendet, um materiell benachteiligten Kindern Englisch beizubringen. Die 6 hervorragenden Lehrer entstammen selber schwierigen Verhältnissen und wissen so manche haarsträubende Geschichte zu erzählen.

Besuch im Alters- und Behindertenheim, ein trauriges Erlebnis
Lehrerschaft: Grover, Lulú (Lehrerin von Wegi), Schweizer 1, Schweizerin 1, Tatjana, Yashira (Lehrerin von Vera) (es fehlen noch Jimena und Ximena)
Unser Schulaltag lässt sich rasch erklären:
  • Montag bis Freitag Quälerei in den Klassenzimmern von 8 - 12
  • Um unsere Häupter auszulüften: Volleyball (bis Wegis Bürofinger bluteten), Jogging oder Thai Bo (sehenswerte Sportquote: 17 Mal in 22 Tagen geschwitzt!)
  • Einen Haufen Hausaufgaben, da fiel auch das eine oder andere Mal ein etwas unfreundlicheres Wort, aber es war ja schliesslich zu unserem Besten.
An den Wochenenden spielten wir jeweils mit unseren Lehrern und anderne Schülern Wally, eigentlich Volley für Grobmotoriker, da man auf einem Squashfeld spielt und die Wände auch benutzen darf. Wir besuchten auch einmal den Handwerkermarkt von Tarabuco, schon allein die Anreise war ein Abenteuer: Zusammen mit 12 Bolivianern (inkl. uns unbekannte in Tücher gehüllte Materie) ratterten wir in einem Minibus durch die schöne Landschaft. Zeitweise konnten wir wegen Regen und angelaufener Scheibe jedoch nichts sehen, was im Übrigen auch auf den FAHRER zutraff! Eh nu, wir sind heil hin- und zurückgekommen. Und auch sonst waren wir kaum einmal zuhause. Wenn wir nicht selber etwas unternahmen, so schlossen wir uns unseren Lehrern oder anderen Schülern an.

Z Bode
Auf dem riesigen labyrinthmässigen Mercado Campesino kann man alles, aber wirklich alles kaufen, und das zu keinem Preis
Z.B. eine neue Frisur. Kostete 1.2 Fr ...
... und sah dann so aus.
Trainingsspiel Universitario de Sucre (la "U") - Flamengo zu gutem Zweck (Eintritt: 1 Kg Reis/Pasta). Der Schütze ist, und das ist wahr, cara de caballo Ronaldinho.
ÖV, es stiegenj noch mehr zu!
Markt in Tarabuco. Unsere Rucksäcke sind nun einiges schwerer
Vera wollte es auch wissen und musste 3 Fr. lockermachen
Hier das Resultat ("Spitzli schnide")
Kochen mit Einheimischen: Almuerzo (Mittagessen, in rauhen Mengen)
Haben unsere Lehrerinnen zusammen mit Urs (wo kommt der wohl her?) zum Essen eingeladen
Meistens ein Gehacke von A - Z: Wally
Museum für indigene Webkunst. Diese Frau webt 4 Monate an einem Teppich, den sie dann für umgerechnet 500 Fr. verkaufen kann
Bandera de Bolivia im eher langweiligen Museum Casa de la Libertad
Apropos zuhause: Wir wohnten bei einer einheimischen Familie in einem wunderschönen Haus, das allersings derart gross ist, dass neben 2 Zimmern auch noch 4 Wohnungen untervermietet werden (u.a. an eine Japanerin und an 2 Fussballprofis). Somit war unser Aufenthalt nicht wirklich ein Familystay im klassischen Sinn. Dank der äusserst schwatzhaften Hausangestellten (oh ja, die Familie hatte gleich 3 davon, als Besitzerin einer Hotelkette kann man sich das leisten) Margot konnten wir unser Gelerntes trotzdem zur Genüge in die Praxis umzusetzen. Und sowieso, unsere Familie war die Sprachschule, denn auch ausserhalb der Klassenzimmer haben wir viel zusammen unternommen (Fussballspiel, Essen, Kochen, Jugos trinken etc.).

Patio unserer Bleibe
Mitbewohner Apolo aka der Zerstörer
War viel harmloser
Argentinier, spielen beide für la "U"
Ein typisches Znacht mit tonnenweise Gemüse
War zwar nicht ganz günstig, aber sehr fein und ziemlich authentisch
Der Abschied war ein trauriger, den wir hatten ein paar sehr gute Freunde gefunden in Sucre, die wir vielleicht nie mehr wieder sehen werden. Das gehör halt auch zum Reisen und es bleibt der Vorsatz, den Kontakt zu halten sowie die Gewissheit, dass unsere Erwartungen an den Sprachaufenthalt in jederlei Hinsicht bei Weitem übertroffen wurde.

Ein kleines Dankeschön an die Schule: Wagten den Versuch, mit Erfolg
Und fürs nächste Mal ein weiteres Rätsel: Das Leben in Bolivien ist für Reisende sehr günstig. Da können wir uns durchaus auch einmal etwas Teureres leisten. Von Sucre nach La Paz haben wir z.B. einen Schlafbus gebucht, der rund das Doppelte gekostet hat, als die günstigste Alternative. Trotzdem hat der ganze Spass unser Reisekässeli gleich viel oder gar etwas weniger belastet, als wenn wir den billigsten Bus bestiegen hätten. Wie ist das möglich?

Montag, 16. Januar 2012

Alles andere als dicke Luft

Ja und so war es wirklich: Immerhin verbrachten wir fast eine Woche auf einer Höhe von 3700 - 4950 m ü.M., was der guten Stimmung jedoch nichts, aber auch gar nichts, abtun konnte.

Vera verpasste leider die spektakuläre Überfahrt von Salta nach San Pedro de Atacama. Dass für den Grenzübergang ein Pass auf 4400 m ü.M. gewählt wurde, gefiel Veras Kreislauf nicht besonders. Doch die Beamten hatten vollstes Verständnis und mithilfe von ein paar Cocablättern eines jungen Argentiniers schaffte sie es zurück in den Bus und nahm ihren Schlaf wieder auf. Und wir singen ein Loblied auf meine Kamera.



San Pedro de Atacama ist ein Ort nur für Touristen, aber trotzdem relativ hübsch und, wenn man weiss wie und wo, auch gar nicht so teuer. Wir verbrachten dort einen ganzen Tag auf dem Velo und durchsandeten völlig unwirkliche Wüsten- und Mondlandschaften mit skurrilen Felsformationen und riesigen Dünen. Danach war uns sonnenklar, weshalb die Täler bspw. Valle de la Muerte oder Valle de la Luna heissen. 7 Stunden netto verbrachten wir im Sattel und mussten gar noch Reifen wechseln, mitten im Nirgendwo.

Toni und Alex
Leben auf dem Mond
Als hätten wir nicht schon genug gelitten, bestiegen wir noch eine Düne


Am nächsten Tag starteten wir unser 3-tägiges Jeep-Abenteuer nach Uyuni gemeinsam mit einem Pärchen aus Stuttgart, einer Brasilianerin aus São Paolo und einer belgisch-amerikanischen Doppelbürgerin, die in Dubai aufgewachsen ist. Ein wahres Dream-Team, wie sich im Velauf der nächsten Tage herausstellen sollte. Zusammen mit dem etwas mürrischen bolivianischen Fahrer Javier, gleichzeitig auch Führer und Koch (wir wurden vorzüglich verköstigt), bretterten wir durch unendliche Gebirgswüsten, Geysirlandschaften, unglaublich farbige und mit tausenden von Flamingos bestückte Lagunen und am letzten Tag quasi als Höhepunkt (mit Betonung auf Höhe) durch die mit Wasser geflutete Salar de Uyuni. Aber seht selbst:

Laguna x

Geysire, schade kann man keine Gerüche posten
Laguna Colorada
Die am Meer bei 30 Grad erstandene Merino-Kappe inkl. Vera
Hemmige, hallo?
Arból de piedra

Laguna y

Dessert: Chupete
Fast alles aus Salz

Denker
Gumpu
Unschlagbar - wo ist der Bolivianer?

Wir mussten einfach, alle anderen taten es auch...
Im (siebten) Himmel
Visionär
Kommt später auf den Tisch
Openair Schrott-Museum. Die noch fahrenden Züge sehen bisweilen ähnlich aus
Da wohnen sie also, er und sein CH-Sackmesser. Vielleicht finden wir auch noch Chuck Norris, wer weiss!
Hilft gegen und für beinah alles, und insbesondere "gegen" die Höhe
Für Silvester begaben wir uns mit Sonja und Stephan (das deutsche Pärchen) nach Potosí, die offenbar am höchsten gelegene (Gross-)Stadt der Welt. Alles in allem eine wahrlich triste Stätte, auch wenn das koloniale Zentrum noch gut erhalten ist. Über der Stadt thront der von Minen durchlöcherte Cerro Rico, der leider nicht mehr wirklich rico ist. Manche nennen ihn auch den Berg, der Menschen frisst. Nachdem wir am Jahreswechsel mit reichlich Getränk in einer Karaokebar (zumindest vordergründig, was sich am Ende des rot schimmernden Ganges abspielte, wollten wir gar nicht erst wissen, könnte aber auch ganz harmlos sein) versumpften, krochen wir am Neujahrstag in eine der ca. noch 500 in Betrieb stehenden Minen und erhielten einen kleinen Einblick in den unvorstellbar harten und bis aufs Äusserste ungesunden (Hitze, giftige Stoffe, Staub und sonstige Gefahren in den kaum gesicherten Stollen) Alltag eines Mineurs. Arbeitsmethoden und -bedingungen: Mittelalterlich. Da Feiertag war, arbeitete niemand in den Minen, was vielleicht auch besser so war. Allemal ein sehr nachdenklich stimmendes und unvergessliches Erlebnis. Unvergesslich? Es stellte sich heraus, das Wegi bei seinem ersten Besuch in Potosi 2006 genau in die selbe Mine gestiegen war (damals war sie aber logischerweise noch um einiges kleiner). Wer mehr über die Minen von Potosí erfahren möchte, dem sei der eindrückliche und gleichzeitig sehr traurige Film "The Devil's Miner" wärmstens empfohlen.

?
Am Rutschen
Centro Potosí
Das andere, triste Potosí mit Cerro Rico
War etwas enganliegend (jedenfalls bei Vera)
Da konnten wir noch halbwegs stehen
Kompetenter Führer und ehemaliger Mineur Ronald mit Tío (Jefe einer jeder Mine, dem Opfer erbracht werden)

Hatten genug nach ca. 3 Stunden, andere bleiben täglich über 12
Sehr vertrauenserweckend
"Nur" Asbest
Da bekommt Wegis Soldatenlaufbahn einen späten Sinn
Am folgenden Tag kehrten wir Potosí den Rücken und fuhren (Vera mit einem sich wie eine Wachmaschine drehenden Magen) in einer Schüssel Richtung Sucre, wo wir nun für 3 Wochen eine Sprachschule besuchen. Zur Beruhigung: Vera ging es nach 2 hässlichen Tagen wieder gut. Sie konnte für umgerechnet sagenhafte 90 Rappen eine Antibiotika-Kur absolvieren, die (hoffentlich) all die Würmer, Käfer und sonstiges Ungetier beseitigt hat.

In Bolivien gefällt es uns bisher wunderbar. Das ärmste südamerikanische Land hat sich seit Wegis Erstbesuch 2006 ziemlich gewandelt. Die Modernisierung bzw. in den Augen einiger Einheimischer (wohl nicht ganz zu Unrecht) Amerikanisierung hat auch hier nicht Halt gemacht. So gibt es bspw. den Leggings-Trend, Preisschilder (märten ist auch nicht mehr das, was es einmal war), getunte Autos (überraschend viele, wie wir finden), WIFI auf öffentlichen Plätzen und vieles mehr. Gewisse Dinge sind aber unverändert: Eher traurige Tatsachen, wie die nach wie vor weit verbreitete Armut und die Umweltverschmutzung, aber auch Erfreuliches, wie die von Gemüse und Früchten hervorgerufene Geschmacksexplosien auf der Zunge!

Nun an alle Rätselfüchse da draussen: In Sucre gibt es an den meisten Kreuzungen Ampeln. Aus zwei Gründen sind diese (bzw. deren Sinn und Zweck sowie Wirkung) jedoch nicht mit den Unsrigen zu vergleichen. Die da wären...?