Seit Längerem rede bzw. schreibe ich davon, ein paar ökonomisch motivierte Gedanken zu unserer Reise zu veröffentlichen. Nun endlich ist es so weit, ich hoffe, die bzw. der eine oder andere Interessierte kommen trotz Verspätung noch dazu, das zu lesen.
Verursacherprinzip und Preisdiskriminierung
In vielen Ländern Lateinamerikas gilt, wer einen Nationalpark besuchen will, muss dafür bezahlen. Ausländer werden dabei typischerweise (viel) stärker zur Kasse gebeten als Einheimische, denn es wird bei ihnen - sicherlich zu Recht - eine höhere Zahlungsbereitschaft vermutet. Eine solche Preisdifferenzierung ist ganz leicht möglich, nämlich anhand des Passes.
Mit dem eingenommenen Geld werden die Nationalparks gepflegt sowie die nötige Besucherinfrastruktur aufgebaut und unterhalten. Es ist ökonomisch durchaus sinnvoll, dass nur bezahlt, wer auch profitiert. Idealerweise beteiligt sich somit aber auch die Gemeinschaft - sprich der Staat -, denn Nationalparks locken oft zahlungskräftige Besucher ins Land, tragen zum Erhalt der Biodiversität bei, dienen als CO2 Senken etc.
Caluor'sche Wechselkurstheorie
Es gibt sie, die Touristen, die mit dem Reiseführer in der Hand durch die Gegend rennen und sich bei jedem lautstark beklagen, der einen höheren Preis verlangt als im Buch angegeben ist. Leicht geht dabei jedoch vergessen, dass in einem fremden Land die Produktpreise nur die halbe Wahrheit sind. Genauso relevant ist nämlich auch der Wechselkurs. Beispiel Argentinien: Das Land leidet unter relativ hoher Inflation. Somit sind die Angaben im Reiseführer schnell einmal veraltet und die Preise auf den ersten Blick unverschämt hoch. Betrachtet man jedoch die Wechselkursentwicklung, dürften sich die Gemüter wieder etwas beruhigen, denn der Argentinische Peso hat gegenüber dem Schweizer Franken im Zuge der gestiegenen Inflation stark an Wert verloren.
In etwa dieses Phänomen postuliert auch die so genannte Theorie der realen Wechselkurse, nämlich dass der nominale Wechselkurs (also das Tauschverhältnis, das uns Banken und Geldwechsler anbieten) hauptsächlich dazu dient, die Preisunterschiede bzw. deren unterschiedliche Entwicklungen zwischen zwei Ländern auszugleichen.
Marco Caluori plagte uns in einer seiner berüchtigten VWL-Prüfungen mit einer ähnlichen Frage: Wir sollten einem unwissenden Kollegen erklären, dass er sich trotz einer starken Abwertung der Türkischen Währung gegenüber dem Schweizer Franken wohl zu früh auf sein Instanbul-Wochenende gefreut hat, denn diese vordergründig günstige Veränderung des Wechselkurses könnte gleichzeitig bedeuten, dass in der Stadt am Bosporus die Preise für Kebab, Wasserpfeife und etc. drastisch gestiegen sind.
(Ungleich-)Verteilung
Während meines Studiums habe ich trotz regelmässiger Anwesenheit kaum einmal gehört, dass sich die Verteilung des Wohlstands auf die Leistung bzw. Effizienz einer Volkswirtschaft auswirken kann. Grundsätzlich galt: Die Ökonomen interessieren sich in erster Linie für Effizienz. Wer schlussendlich wie viel bekommen soll, ist eine politische Frage und kann die Leistung sogar schmälern im Sinne von "Umverteilung reduziert den Anreiz, produktiv zu sein". Zweierlei muss dem vehement entgegengehalten werden:
1. Meiner Beobachtung nach führt die Ungleichheit in vielen lateinamerikanischen Ländern dazu, dass den vielen "No-Haves" der Zugang zu einer sinnvollen, also erfolgsversprechenden Bildung verwehrt bleibt. Es kann nämlich - etwas plakativ - gesagt werden, dass nur der Besuch einer für grosse Teile der Bevölkerung unerschwinglichen Privatschule bzw. -universität die Aussicht auf sozialen Aufstieg, eine fair bezahlte Anstellung und damit ein Leben ausserhalb der materiellen Armut ermöglicht. Bei ungenügend ausgebautem Stipendienwesen bedeutet das schlicht, dass sich einzig die kleine Oberschicht u.a. dank der Bildung die lukrativen Jobs sichert. Für Kinder aus der Unter- oder der oft ausblutenden Mittelschicht stehen nur die staatlichen, unter stetigem Mittelentzug leidenden Schulden offen, deren Absolvierung wiederum kaum den Zugang zu den bedeutenden (privaten) Universitäten ermöglicht.
Dieses System verletzt nicht nur die urliberale Forderung nach Chancengleichheit, sondern verhindert, dass das in dem vom Bildungsweg faktisch ausgeschlossenen Bevölkerungsteil brach liegende Humankapital zum Wohle der Gesamtwirtschaft- bzw. -gesellschaft genutzt wird. Dass sich daran rasch etwas ändern wird, bezweifle ich, denn wer hat, der scheut Konkurrenz am meisten.
2. Die mittelbaren Kosten der in Lateinamerika vorherrschenden unverschämten Ungleichverteilung sind jedem Besucher offensichtlich. Wer etwas zu verlieren hat, bunkert sich ein, z.B. in einem der vielen "Villas privadas", private Quartiere, die neben den nötigen Sicherheitseinrichtungen (Mauern, Kameras, Personal) nicht selten auch mit eigenen Supermärkten, Sportplätzen und manchmal gar Schulen auftrumpfen. Gleichzeitig muss der Staat angesichts er hohen Kriminalität viel Mittel in die öffentliche Sicherheit stecken, Geld, dass anderswo sicherlich sinnvoller eingesetzt werden könnte (z.B. Bildung). Auch die Privaten würden ihr Geld wohl lieber anders ausgeben, und wer wünscht sich schon ein Leben in ständiger Angst um Besitz und Leben.
Es fällt schwer, von der Ferne aus Lösungsansätze zu diesen schwerwiegenden und komplexen Problemen zu formulieren. Trotzdem denke ich, dass ein vertrauenswürdiger, starker Staat, ein erster Schritt sein könnte. Ein Staat, der nicht nur seinen Vertretern oder der Klientel (die "Elite") dient, sondern, so seifig das auch tönen mag, für die Gesamtbevölkerung einsteht und kurzfristige Partikulärinteressen zu ignorieren weiss.
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